von Friederike Anders, 2014 (VERTIKALE MONTAGE auf montagetheorie.tumblr.com)

Bazin war ja sehr für ungeschnittene Wahrheit … (—> “Montage verboten”). Allerdings ging er davon aus, daß Plansequenzen/ Mise en Scène dem Zuschauer mehr *Freiheit* beim Beobachten verleihen würde; außerdem erwartete er sich eine Art erhöhten Realismus von diesem Regie- und Kamerastil.

Regisseur Alfonso Cuarón zeigt in Children of Men, wie Bazins Realismus zum extremen Nervenkitzel eines total immersiven RealitätsEINDRUCKS wird. Für die Plansequenzen in “Children of Men” hatte er mit seinem Kameramann einen “raw, documentary look” vereinbart – und schlug CGI/ Computeranimation zur Umsetzung vor. (Er war gerade von einer Regiearbeit für Harry Potter zurück)

Kameramann Emmanuel Lubezki warnte, daß so kein optimaler Realismusthrill zustande kömmen könnte, und man verständigte sich auf einen spektakulären Kompromiss:

Stuntleute wurden engagiert, und ein extrem aufwändiges Fahr- und Kameravehikel konstruiert; gerne gab die Produktionsfirma die Details dieser fantastischen Aufnahmetechnik preis.

Der kostbare Rest Nicht-Künstlichkeit, auf den man sich noch für den “dokumentarischen” look berufen konnte, war also die Echtheit des Ungeschnitten-Seins; und – zum Teil – der Location.  

Weniger gesprächig war man, wenn es um den Einsatz von CGI für die “Car Scene” ging.

Erst nach und nach kam heraus, daß die Fahrt doch nicht ein einziger shot war, sondern aus 6 Einzeltakes “zusammengesetzt” wurde. Verantwortlich für das “Blending” war dieselbe VFX Firma, die auch Harry Potter oder Inception verarztet.

However, the commonly reported statement that the action scenes are continuous shots[61] is not entirely true. Visual effects supervisor Frazer Churchill explains that the effects team had to “combine several takes to create impossibly long shots”, where their job was to “create the illusion of a continuous camera move.” Once the team was able to create a “seamless blend”, they would move on to the next shot. These techniques were important for three continuous shots: the coffee shop explosion in the opening shot, the car ambush, and the battlefield scene. The coffee shop scene was composed of “two different takes shot over two consecutive days”; the car ambush was shot in “six sections and at four different locations over one week and required five seamless digital transitions”; and the battlefield scene “was captured in five separate takes over two locations”. Churchill and the Double Negative team created over 160 of these types of effects for the film.[62] 

In an interview with Variety, Cuarón acknowledged this nature of the “single-shot” action sequences: “Maybe I’m spilling a big secret, but sometimes it’s more than what it looks like. The important thing is how you blend everything and how you keep the perception of a fluid choreography through all of these different pieces.”[7] wikipedia

 

Was wir hier sehen, ist also eine Mischung aus der alten Technik des unsichtbaren Schnitts mit einer modernen Form der vertikalen Montage per CGI; also eines Schichtens von Bildeffektebenen übereinander (“Stitching”;  Deckungsgleichheit erzielen).

Wie schon zu Bazins Zeiten bleibt das Choreografieren und Aufnehmen einer komplexen Plansequenz ungefähr die aufwändigste, zirzensischste und künstlichste Art, um die Sensation des Wirklichkeitseffektes zu erzeugen.

(Free CInema, Direct Cinema und CInema Verité gründeten sich nicht zuletzt, um diesem schwerfälligen Aufnahme-Apparatschik eine andere, dokumentarische Wirklichkeit gegenüberzustellen, die nur von kleinen, leichtfüßig und spontan agierenden Teams aufzeichnet werden konnte).

Bazins ungeschnittener look war also schon damals ein nur mit großer Studiotechnik herstellbares Kunstprodukt. Aber hätte er auch ein hochtechnisches, kunstgewerbliches Zusammensetzen aus vielen Bildebenen in Kauf genommen, um damit dem Eindruck von Realität näher zu kommen? 

Wo fände er die gesuchte Freiheit für den Zuschauer, wenn es in Wirklichkeit um die Herstellung von “Immersion“ geht ?

Daß man in den berühmten Plansequenzen aus Children of Men keinen Schnitt sehen kann, ist jedenfalls kein Zeichen dafür, daß nicht geschnitten wurde. Im Gegenteil zeigt sich hier die ganze Raffinesse des Cutters Roberto Rodriguez und des Special Effects Teams.

Diese Meister der modernen vertikalen Montage haben dafür einen BAFTA Award erhalten.