achtung berlin ist vorbei, die Preise sind vergeben, und wer hätte das gedacht: Zwischen all der penetranten Werbung, den vielen ehrgeizigen und bemüht mumble-corigen Film-Startups, und den rechtschaffen rundgelutschten rbb-Coproduktionen (9x vertreten), fanden die Jurys noch echte Preziosen, die Kante zeigen und dadurch Mut machen.

Ausgewählt als bester Spielfilm wurde: Lucia Chiarlas REISE NACH JERUSALEM, als bester Dokumentarfilm: Stanislaw Muchas KOLYMA – Strasse der Knochen, und als beste Regie: SARAH SPIELT EINEN WERWOLF von Katarina Wyss – drei charakterstarke, intensiv forschende Filme jenseits von Mode und mainstream. Preise gab es noch viel mehr, die hier nicht alle aufgezählt werden sollen –  aber zwei davon (beste Schauspielerin, Preis des “Exberliner”) landeten ebenfalls bei Lucia Chiarlas Film.

Bemerkenswert ist das, weil dieser Film vom Scheitern handelt, und weil dieses Scheitern nicht als persönliche Tragödie gezeichnet wird, sondern als trotziges Aufbegehren (im Deckmantel einer Tragikkommödie) – gegen ein demütigendes, neokapitalistisches Ausschluß- und Verwertungssystem.

Könnte dieser Trotz der Grund sein, warum Chiarla all die langen Jahre seit der ersten Drehbuchförderung keinen Fernsehsender als Partner für ihr Projekt gewinnen konnte, und so immer hart am Rand zum finanziellen Absturz operieren mußte? Oder war sie als Regie-Debütantin einfach nur noch nicht genügend als “Marke” etabliert, um sich “erfolgreich am Markt platzieren” zu können?

Gerade solche Marketing-Kriterien (deren Bedienung Schulen, Redaktionen und Gremien hierzulande mit zunehmender Strenge lehren und einfordern), hätten ihren wunderbaren Film jedenfalls fast sterben lassen, bevor er entstehen konnte. Chiarla, deren sportliche Lieblingsdisziplin schon als Kind der Langlauf war, ließ sich aber nicht verdrießen, und befand – gestützt durch Eva Löbau – daß nicht das Fernsehen darüber eintscheiden dürfe, ob die Welt diesen Film braucht oder nicht.

So kommt es, daß REISE NACH JERUSALEM nun nach Herzenslust genau solche Wertmaßstäbe durch den Kakao ziehen kann – und die gesamte prekäre Berliner Kreativselbstständigenszene darf sich schmerzlich kichernd und ertappt darin wiedererkennen, und wird dabei auch noch bestens unterhalten. Geschafft hat Chiarla das mit ihrer Heldin Alice, die von Eva Löbau als eine eher unscheinbare “Jedefrau” um die 40 dargestellt wird – den ganzen Film über ohne ein ersichtliches “love interest”, dafür aber mit jeder Menge tiefsitzendem Schalk.

“Zu traurig zum lachen, zu komisch zum weinen”, sagte Jurorin Sophie Heldmann bei der Preisverleihung dazu.

Chiarla selbst sagte im Interview, daß es für sie sogar ein Luxus war, keine Scharen von einflußreichen Dramaturgen, Beratern und Förderern dabei gehabt zu haben. Wenn es die gegeben hätte und alle mitgeredet hätten, dann wäre es ein Film “von niemand” geworden.

Merken